Der Fan

Fan - mehr als ein Zuschauer

Der Begriff Fan steht für das englische Kurzwort „fanatic“ – Fanatiker oder lateinisch „fanaticus“. Dies bedeutet so viel wie schwärmend, begeisternd, rasend oder besessen.

Wie die Wurzeln des Fußballs, so ist logischerweise auch die Herausbildung der Fanidentität in England zu suchen.
In England kam es Mitte des 19. Jahrhunderts zu bedeutenden demografischen Veränderungen. Die ländliche Bevölkerung zog es mehr und mehr in die Stadt. Die Folge war das Entkoppeln traditioneller kultureller Manifestationen, wie z. B. die auf dem Land üblichen regelmäßigen Feste, die den sozialen Austausch und Zusammenhalt förderten. Diese nun neu entstandenen Löcher im sozialen Netz mussten geflickt werden. Hier bot und bietet der Fußball auch heute noch ein leicht zugängliches und vor allem unverbindliches Identitätsangebot. Denn ohne groß zu planen konnte man sicher sein, im Stadion die „Anderen“ zu treffen. Hier begegnete man auf gleich gesinnte Menschen und man wusste, dass dies am nächsten Spieltag wieder der Fall sein würde.

Der primäre Grund für den Massenboom im englischen Fußball liegt aber in der Arbeitszeitverkürzung und den sinkenden Lebenshaltungskosten. Diese brachten den Großteil der englischen arbeitenden Bevölkerung, die damals ca. 80% betrug, mehr Freizeit und Geld ein und so strömten die Arbeiter in bestehende Vereine oder gründeten eigene Arbeitersportvereine. Während die Dominanz der Arbeitervereine immer deutlicher wurde, fanden sich Freunde und Arbeitskollegen am Spielfeld ein um sie anzufeuern.

Ein weiterer Punkt der zum Siegeszug des Fußballs führt, ist die Affinität des Sports zur Industriearbeit, die von Einsatz, Kondition und Robustheit geprägt war. Genau diese Eigenschaften wurden auch auf dem Rasen benötigt. Des Weiteren ließ der Fußball Platz für Kreativität und Eigensinn in der so stark reglementierten Industriearbeit.
Den Arbeitern stand, wie oben gezeigt, nun mehr Freizeit zur Verfügung, die es galt sinnvoll zu nutzen. Unternehmen sowie verschiedenste Konfessionen förderten die Gründung von Vereinen, denn es wurde befürchtet, dass die gewonnene Freizeit mit herumlungern und sich betrinken gefüllt würde.

Die Entstehung der Fanidentität in Deutschland weist viele Parallelen zur englischen Entstehung auf. So ist auch für Deutschland die Einführung eines Achtstundenarbeitstages als wichtigste Voraussetzung für die Ausbreitung des Fußballs. Die Entkoppelung traditioneller kultureller Manifestationen spiegelt sich in der nachkriegszeitlichen Orientierungslosigkeit der Menschen wider. Die Förderung von Seiten einzelner Unternehmen sowie verschiedenste Konfessionen und des Staates zeigte sich, anders als in England, besonders in der Ausweitung des Sportstättenbaus. Wie in England so waren es auch in Deutschland die Arbeitervereine, die durch spielerische Leistung die bürgerlichen Vereine über die Jahre immer mehr ins Abseits drängten.

Vor Einführung der Bundesliga 1963, also weit vor der Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sports, waren Spieler für die Zuschauer greifbare Repräsentanten ihres Viertels oder der Stadt und waren ihren Anhängern sozial, kulturell und finanziell nahe. Es war der „Kumpel von nebenan“ mit dem man sich identifizieren konnte. So war es undenkbar, dass sich der Spieler auf dem Platz im Regen abrackern musste und man selbst als Fan im Stadion unter einem Regendach stand.

Diese Spieler- Fanbeziehung besteht heutzutage, wenn überhaupt, nur noch in Ortsvereinen der unteren Ligen. Viel mehr entfernte sich der Spieler vom Fan, oder umgekehrt, wie man es sehen mag. Es herrscht zurzeit viel mehr ein Verhältnis voller emotionaler Spannung, wobei Verehrung und Verachtung nah beieinander liegen.

Mit der Professionalisierung des Fußballs entwickelte sich ein neuer Typus Spieler, der nur so lange seinem Verein treu blieb bis ein finanziell besseres Angebot für ihn vorlag oder der sportliche Erfolg des Vereins gewährleistet war. Dieser Spieler zeichnete sich nicht nur durch die eben beschriebene räumliche Mobilität aus, sondern auch durch die Distanz zum Fan.
Mit Einführung der Bundesliga und bedingt durch stadionbauliche Veränderungen für die WM 1974 in Deutschland konnte man sich erstmals eine eigenständige, jugendliche Fankultur entwickeln. Fanblöcke wurden getrennt und man konnte nicht mehr, wie gewohnt, dort im Stadion aufhalten, wo man wollte. Bedingt durch schlechte Sicht war hinter dem Tor, in der Kurve, der Eintrittspreis am niedrigsten. Von diesen Bereichen ausgehend entwickelten sich allmählich bestimmte Rituale wie das Anfeuern der Mannschaft durch Sprechchöre, das Schwenken von Fahnen und das Tragen von, damals noch größtenteils selbst gemachten, Kleidungsstücken in den Vereinsfarben. Die so genannten Fan-Kurven entstanden.

Doch die eifrigsten Anhänger unter den Fans begnügten sich nicht nur mit dem Besuch der Heimspiele ihres Vereins, sondern reisten der Mannschaft auch immer öfter zu Auswärtsspielen hinterher. Der Schlachtenbummler war geboren und mit ihm die Fan-Kurven für die Gästefans. Damit war die Vorraussetzung geschaffen, dass sich nicht nur die Mannschaften im Wettbewerb gegenüber treten, sondern auch die Fans.

Anfang der 80er Jahre organisierten sich verstärkt Fanclubs in der deutschen Fußballszene. Gerade für Fans, die nicht in der Stadt ihres Lieblingsvereins lebten, gaben Gründungen von lokalen Fanclubs, die Möglichkeit seinem Verein in der Ferne „nah“ zu sein. Die Nähe wurde auch zunehmend nach außen sichtbar gemacht. Neben Schals und Mützen, kamen die so genannten Fan-Kutten in Mode. Dieser Fan viel besonders optisch durch seine vielen Schals und Aufnähern auf seiner Weste, seiner Kutte auf. Dieser Fan bildet bis heute den Grundstock deutscher Fankultur.

Doch bald folgte für den Fußball und seine Fans die große Krise. Die Vereine konnten mit der Entwicklung des Sports kaum noch mithalten, zudem kam es immer wieder zu großen Auseinandersetzungen und schweren Krawallen zwischen den Fangruppen. Katastrophen, wie Heysel (39 Tote, 454 Verletzte) oder Hillsborough (96 Tote), brachten eine immer deutlich werdende Entwicklung der Fankultur zum Vorschein: Den Hooligan.
Die Folge dieser Entwicklung und der angesprochenen Katastrophen führte zu einer Stigmatisierung der Fußballfans weltweit. In der Presse und der Gesellschaft war der Fußballfan von nun an ausschließlich gewaltbereit, asozial und rechtsradikal. Dies wurde besonders in Funk und Fernsehen deutlich.

Zudem wurde in England die Auffassung geboren Stehplätze würden die steigende Gewaltbereitschaft fördern. Dies hatte zur Folge, dass eine große stadionbauliche Veränderung eintrat und durch den Abbau der Stehplätze auch die Eintrittspreise enorm anstiegen und die Menschen aus dem Stadion verbannten, für die Fußball mehr war als nur ein Spiel oder reine Unterhaltung, sondern viel mehr ein Lebensgefühl und ein kulturelles Ritual, dass die Wochenende bestimmte.

Durch die wachsende Kommerzialisierung und Popularität des Sports sind immer mehr Fans zu reinen Zuschauern geworden, die ihren Anspruch auf die Wahrnehmung Ihrer Interessen nicht mehr wahrnehmen. Eine neue Fanart in Deutschland ist die Ultra’-Kultur, die dieser Entwicklung versucht entgegen zu wirken.

Der Fan ist und bleibt eng mit dem Fußball verwurzelt, doch muss er aufpassen, dass er sich selbst nicht seiner Rechte und Pflichten beraubt, sondern anfängt wieder aktiv seine Interessen zu vertreten.